Binäre Codes und göttliche Zahlenverhältnisse
Gerd Genger
Zu Peter Nowotnys „Narzisstischen Ornamenten“. Buchautor, ehemals Galerie Gmyrek Düsseldorf, 1998
Man fühlt sich an die formale Strenge frühmittelalterlicher Tafelbilder erinnert. Die horizontale Reihung der Personen, ihre körperlose Präsenz auf der Fläche, der goldene Grund, die Farbe des mittelalterlichen Himmels waren bestimmende Elemente der mittelalterlichen Malerei. Bei Peter Nowotny bilden Spiegelungen sowie binärer Code und göttliche Zahlenverhältnisse eine seltsame, spielerische Einheit.
Wenn es stimmt, das die Welt der neuen Medien „vom Subjekt auf System und von Subjekt-Objekt-Beziehungen auf den Regelkreis Mensch-Welt umgestellt“ *) wird und wenn die Welt ein Konstrukt der „schönen Beziehungen zwischen Punktformen und Zahlen bildet“, dann muss das auch in der zeitgenössischen Kunst einen Widerhall finden. Und natürlich gibt es viele Ansätze, die neuen Medien als Instrumente künstlerischen Ausdrucks zu erschließen. Es fehlt auch nicht an Versuchen, das traditionelle Tafelbild mit den Mitteln der neuen Medien zu befragen. Solche Versuche unternimmt auch Peter Nowotny.
In den letzten Jahren hat Peter Nowotny meist mehrteilige Bilder gemalt auf denen, auf goldenem Grund, mit gleichbleibend breitem Strich, grau umrissene Figurengruppen zu sehen sind. Die streng in der Horizontalen angeordneten Figuren werden von einem sparsamen Muster breiter farbiger Linien überzogen. Die farbigen Linien umgrenzen -scheinbar mehr oder weniger willkürlich ausgewählt – bestimmte Körperformen. Nachdem Peter Nowotny die Figuren aus ihrem fotografischen Raum gelöst hat tut er einen zweiten Schritt: er digitalisiert das auf der Leinwand entstandene Bild. Im Computer löscht er zuerst die noch vorhandene Eindeutigkeit der linear umhüllten Figurengruppen. Es wiederholen sich nur die farbigen Muster. Doch es ist nie einfache Wiederholung, sondern Variation, Spiegelung, Drehung, Verwindung. Es stellt sich heraus, dass er so eine Art Alphabet, Worte und Texte erzeugen kann. Diesen im Computer „geschriebenen“ Text überträgt er nun auf eine zweite und dritte Leinwand.
Nowotny benutzt Motive der Medien- und Modewelt als Vorlage. Doch obwohl das Muster der breiten Linien diese werbeästhetische Vorlage durchaus erkennen lässt, fühlt man sich an die formale Strenge frühmittelalterlicher Tafelbilder erinnert. Diese Korrespondenzen und Korrelationen sind nicht zufällig. Nowotny zitiert bewusst diese Tradition: Die horizontale Reihung der Personen, ihre körperlose Präsenz auf der Fläche, der goldene Grund, die Farbe des mittelalterlichen Himmels waren bestimmende Elemente der mittelalterlichen Malerei. Bei Nowotny bilden binärer Code und göttliche Zahlenverhältnisse eine seltsame, spielerische Einheit.
Die frühmittelalterliche Kunst interessierte sich nicht für das Einzelne und Besondere, sondern zeigte ein entindividualisiertes Menschenbild. Sie bebilderte die Stellung, den Rang und die Position des Menschen in einem festgefügten gesellschaftlich-religiösen Kosmos. Der Mikrokosmos ist Teil und Replik des Weltalls. Aus den Elementen des Universums setzt sich in dieser Vorstellung auch der menschliche Körper zusammen. Schönheit, Ordnung, Harmonie, Einklang und Würde lassen sich als Zahlen und geometrische Figuren darstellen. Die allesbeherrschende Harmonie ist ein göttliches Zahlenverhältnis. Oben und unten, links und rechts beschreiben Gut und Böse, Gnade und Verdammnis, die heilige Vergangenheit und die Zukunft des Jüngsten Gerichtes. Dies Koordinatensystem reicht vollständig, um die je doppelt gedachte Wirklichkeit, das akzidentielle Sichtbare und das substantielle Unsichtbare darzustellen. Es war also gar nicht notwendig Raum in der Malerei vorzutäuschen oder die sichtbare Welt realistisch abzubilden. Ihr kam ja keine Wahrheit zu. So war die frühmittelalterliche Malerei eine Malerei der Symbole, der Allegorien und Gleichnisse, die auf eine göttliche Wahrheit verwies. Und da sich der mittelalterliche Maler einer universellen Sprache bedienen konnte verschwand er hinter dem Universellen und war als individueller Maler kaum zu erkennen.
Peter Nowotny setzt hier ein. Auch ihn interessiert nicht der Körper, das individuelle Erscheinen, sondern Strukturen, Texturen, Zeichen. Ihn interessieren allerdings ebenso wenig die „Aussagen“, die alles verbindende Ideologie oder die göttliche Ordnung der Dinge. Seine Anstrengung gilt dem Versuch, eine malerische Sprache der Gesten, Gebärden und Haltungen zu entwickeln, die sich so weit von der individuellen Geste, Gebärde oder Haltung entfernt, wie sich das Zeichen für „Haus“ vom wirklichen Haus, das Zeichen vom jeweils Bezeichneten unterscheidet. Das war ja auch der Einsatz einer wichtigen Strömung der Moderne.
Als Ausgangsmaterial nutzt er, wie gesagt, fotografische Vorlagen. Fotografien suggerieren in hohem Maße Realität. Und seit der Erfindung der Fotografie verzichtet Malerei weitgehend darauf, der Natur dadurch Konkurrenz zu machen, dass sie „naturgetreu“ und „nach dem Leben“ malt. Peter Nowotny transformiert das Foto aus seiner räumlichen Illusion in die Fläche und zerstört so das „Dokumentarische“ am Foto. Ihm kommt es darauf an Umrisse und Strukturen durch wiederholte Destillation in großer Reinheit zu gewinnen.
In den letzten Jahren interessierte Peter Nowotny vor allem die Modefotografie. Denn sie entindividualisiert, betont die Form, entwickelt eine Zeichensprache der sozialen Schichtung. Ihr ist es gleichgültig wer die modischen Produkte trägt. Kleidung signalisiert heute nicht mehr den Stand ihres Trägers, aber den Rang auf der nach oben hin offenen Einkommensskala. Unter der Maske eines Lebensstils verschwindet ja gerade die Individualität. Das Design ersetzt das Sein. Die Inszenierung ohne Schauspiel ersetzt einen gelebten Lebensentwurf. Nowotnys Bilder kommentieren diesen Zustand nicht, sondern versuchen die Schrift der bloßen Haltung, Gebärde und Geste zu entziffern und selbst zu schreiben. Dabei kommen keine Bedeutungen und kein Sinn hervor, sondern Zeichen, die einem bestimmten Klang der gesprochenen Sprache entsprechen. In der Linguistik würde man sagen, dass Phoneme wahrgenommen werden. Die pragmatische und semantische Ebene der Sprache fehlt. Doch der Klang gewinnt Bedeutung. Und so ist es auch mit Formen und Farben. Sie lösen Assoziationsketten aus und verweisen auf vieldeutig Bekanntes.
Was ich bemerkenswert an Peter Nowotnys Ansatz finde, ist zweierlei: Peter Nowotny löst sich vom Mythos der künstlerischen Einmaligkeit und Spontaneität, wie er z.B. in der gestischen Malerei lebt. Er sucht stattdessen die Vor-Bilder auf, versucht sie neu zu durchdenken und findet dabei zu immer reduzierteren Formen und Sprachen. Das zweite wesentliche Element der Malerei Peter Nowotnys besteht in der Aufgabe des Illusionismus. Er überträgt die (nur vorgetäuschte) Dreidimensionalität fotografischer Vorlagen zurück in die Ebene. Die Digitalisierung des gemalten Bildes und das Variieren der aufgefundenen Strukturen im Rechner schafft eine seltsame Spannung zwischen Strenge und Spiel.
Die eigentliche Irritation, die von diesen Bildern ausgeht ist aber die sichtbargewordene Ahnung, dass das zeitgemäße „göttliche Zahlenverhältnis“ der binäre Code, dass die Welt ein bloßes Konstrukt und das Ergebnis einer großen Simulation sein könnte.
*) Norbert Wolfgang Bolz. „Mensch-Maschine Synergetik unter neuen Medienbedingungen“, in Symptome II (1993) S.34